Gestrandet
Zwischen Sandbank und offenem Meer
Manchmal geschehen Ereignisse, bei denen ein ganzes Land geschlossen mitfiebert. Die Daumen drückt. Leidet und hofft. Man müsste schon auf einer eingeschneiten Berghütte leben, um die Ereignisse nicht mitbekommen zu haben. Oder auf einer abgelegenen Sandbank. Natürlich geht es um den gestrandeten Wal in der Ostsee. Mehrfach gestrandet sogar.
Ich kann absolut nachvollziehen, warum der Wal und sein Schicksal uns so fesselt. Und selbst bei dem größten Grießgram eine längst verträumte Empathie weckt. Bei den meisten zumindest. Ich persönlich habe auch sehr mitgefühlt. Jede neue Meldung sorgte wahlweise für Faszination, Hoffnung oder Kummer. Oder alles auf einmal. Sicher gehöre ich zu den eher sensiblen Menschen und leide etwas zu doll mit. Ich glaube es liegt aber nicht nur an dem leidenden Tier, das seit Tagen unsere Nachrichten bestimmt. Es liegt ganz sicher auch an den Parallelen, die ich fand.
Schwimmzüge
Ich fühle mich seltsam verbunden mit diesem Meeresgeschöpf, das sich gerade von Sandbank zu Sandbank kämpft. Aufgegeben und immer wieder ermutigt. Begleitet von Menschen, die versuchen zu helfen. Und zu schützen. Ich sehe den Wal, wie er leidend liegen bleibt. Auf einer Sandbank. Verlassen von guter Hoffnung und sich selbst. Die dicke Haut angegriffen. Von dem Leben, das ihm nicht steht. Und auch nicht stehen soll. Der Wal durchschwamm Ozeane. Ein Buckelwal ist ein prächtiges Tier. Eindrucksvoll und stark. Und kräftig. Und plötzlich hilflos.
Ein Buckelwal gehört gar nicht in die Ostsee. Aus irgendeinem Grund hat er die Orientierung verloren. Sicher fühlt er sich verloren. Und verirrt. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie viel der Wal überhaupt fühlen kann. Gut fühlt sich jedoch ganz sicher nicht.
Buckelwale singen komplexe Lieder. Sie verändern sie ständig. Wer die Lieder des gestrandeten Wals hörte, hörte vielleicht Laute des Kummers. Und des Schmerzes. Der Wal sang nicht für uns. Er sang um sich Luft zu verschaffen. Er machte seine Gefühle spürbar. Für alle Passanten am Timmendorfer Strand. Und für uns an unseren Displays. Selbst Heinz Strunck löste in der elitären Bevölkerung des Küstenstädchens nicht solch starke Gefühle aus.
Auch ich fühle mich immer wieder hilflos. Es fällt mir schwer nicht die Orientierung zu verlieren. Das Krankenhaus war meine erste Sandbank und manchmal wird das heimische Bett zur zweiten. Auch meine Haut ist angegriffen. Sie wird schuppig. Von Tag zu Tag mehr. Es juckt und brennt. Ich kann nicht aufhören zu kratzen. Und ich kann nicht akzeptieren, dass es so ist. Jeden Tag versuche ich einmal rauszuschwimmen, in meine Ostsee. Gehe jeden Tag vor die Tür ist eine meiner selbstauferlegten Regeln. Ich habe nur nicht bedacht, ob ich auch jeden Tag die Kraft dafür habe, mich an meine Regeln zu halten. Ich bin kein guter Schummler. Eigentlich halte ich mich gerne an Regeln. Zumindest an meine eigenen. Ich bin aber auch kein guter Schwimmer. Im Vergleich zu den richtigen Ozeanen ist die Ostsee eher klein. Aber sie ist groß genug, um sich zu verschwimmen. Der Wal und ich, wir brauchen lange Pausen um einen neuen Anlauf zu wagen. Manchmal schwimmen wir drauf los, doch kehren nur allzu bald zurück. Mutlos. Doch wir sind nicht allein.
Ein Lichtstrahl im Nebel
Es blieb nichts unversucht, um dem Wal zu helfen. Es wurde gebaggert und geschaufelt. Geschwommen, gerufen. Es wurde abgesperrt und dabei immer mitgefiebert. Der Wal kann sich gar nicht aussuchen, ob er die Hilfe annimmt. Ob er will oder nicht, ist egal. Er muss sie annehmen. Sie ist da und er kann sich nicht dagegen wehren. Und das ist gut so.
Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Hilfe erhalten. Natürlich von meiner Partnerin, aber auch von vielen, vielen Menschen in meinem Leben. Es fällt mir immer noch schwer die Hilfe anzunehmen. Irgendetwas in mir ist der festen Überzeugung, dass Dinge nicht zählen, wenn ich sie nicht alleine schaffe. Vielleicht ist der Wal derselben Überzeugung. Aber Überzeugung allein bringt ihn nicht zurück ins Meer. Also nehme ich die Hilfe an. Es tut gut, sie zu spüren. Es ist das, was mich immer wieder in die See trägt. Tägliche Schwimmversuche. Soweit mein Körper es zulässt.
War ich Anfangs noch gänzlich frei von Symptomen, so hat sich das in der vergangenen Woche deutlich geändert. Nun hatte ich glücklicherweise keinen Kreislaufcrash mehr. Aber ich fühle mich oft schwach. Nebel hängt wie Watte in meinem Gehirn. Brain Fog. Von so etwas habe ich zu Hochzeiten der Corona-Pandemie erstmalig gehört. Wird mein Gehirn etwa permanent unterversorgt oder ist es doch nur ein psychosomatisches Ereignis? Eine Art innere Reaktion um mich zu bremsen? Oder nur eine Folge der Medikamente? Ehrlich gesagt, ich weiß nicht. Nebel und Schwindel kommen und gehen wie die Tage selbst. Ich verliere langsam das Zeitgefühl. Die Tage vergehen immer schneller. Das ist einerseits gut, denn mit jedem vergangenen Tag erholt mein Körper sich hoffentlich ein wenig mehr. Es ist aber auch beängstigend. Es bedeutet, dass ich angekommen bin im neuen Alltag. Entschleunigung ist nicht mehr entschleunigend für mich. Zeitlupe wird zum Normaltempo und schwach wird zu gerade so ok. Es fällt mir nicht einmal mehr schwer es zuzugeben, es belastet mich sehr.
Seit über zehn Jahren treibe ich regelmäßig Sport. Natürlich gab es dazwischen auch einmal Durststrecken. Phasen, in denen es einfach nicht lief oder Verletzungen. Aber im Großen und Ganzen ging es mir körperlich gut. Ich war es gewohnt fit zu sein. Stark. Man sah es mir vielleicht nicht an, aber 10 Klimmzüge ohne abzusetzen befriedigten mich ähnlich wie 10 Laufkilometer. Ok, vielleicht nicht ganz. Aber es ist ein tolles Gefühl sich körperlich zu fordern. Das ist genau das, was ich nun drei Monate lang nicht darf. Mich körperlich fordern. Und ehrlich gesagt sind tägliche Schwimmzüge in meiner Ostsee bereits fordernd genug.
Ich frage mich, ob sie auch so schnell für ihn vergeht. Die Zeit für den Wal. Nicht ohne stolz behauptete ich nahezu jederzeit einen Marathon laufen zu können. Nicht immer besonders schnell. Aber 42km waren auch einfach mal eine solide Trainingseinheit an einem Sonntag. Oder an einem Samstag. Damit ich Sonntag noch einen Lauf mit Vorermüdung machen kann.
Der Wal und ich, wir beide sind bereits vorermüdet. Ein Marathon wäre für den Wal ein Klacks. Wenn er gesund wäre. Genauso ist es bei mir auch. Aber der Wal und ich, wir beide wissen nicht, ob es jemals wieder so wird. Und ob es überhaupt je wieder so sein sollte.
Struktur & Fortschritt
So vorermüdet ich bereits bin, meine Gefühle machen mich derzeit noch müder. Die Gedanken an meine aktuelle Lage strengen mich an und der Blick in die Zukunft macht mich schlapp. Ich habe kaum noch Kraft für die Telefonate mit Kliniken, die auf ihre schriftlichen Befunde warten lassen und Praxen, die keine Termine haben um mich zu behandeln. Ich bin so krank, dass ich mit einer Defibrillatorweste lebe und offenbar nicht krank genug, um mich kurzfristig in ein Sprechzimmer zu setzen.
Ende Juni findet die Verlaufskontrolle im Krankenhaus statt. Das ist noch eine lange Zeit. Beim Laufen muss ich oftmals den rationalen Teil von mir etwas beiseite schieben um etwas mehr mit dem Herzen zu rennen. Meine Gefühle und die Freude in den Vordergrund stellen. Ich glaube, jetzt gerade ist es andersherum. Ich nehme mir gerade alles wortwörtlich zu Herzen. Ich brauche Struktur. Ich habe mir einen Kalender neben das Bett geklebt. Jeden Morgen streiche ich einen Tag durch. Um zu spüren, dass es weitergeht. Dass die Zeit nicht still steht. Jeder Tag, der vergeht, ist ein Tag, an dem der Körper heilt sage ich mir. Oder an dem er es zumindest versucht.
Sehr genau versuche ich meine Belastung im Blick zu behalten. Jeden Tag schreibe ich auf, wie ich mich fühle. Ich trage einen Whoop als smartes Gadget. Ein etwas überhyptes Fitnessarmband. Den größten Mehrwert bietet mir jedoch nicht das Armband selbst, sondern das Tagesjournal. Dort lassen sich Gewohnheiten, Symptome und Empfindungen festhalten. Gewissenhaft fülle ich es aus. Jeden Tag. Ich bin kein großer Freund davon gesundheitsrelevante Informationen mit einem Chatbot zu teilen. Doch bei der Whoop-KI hielt ich es für sinnvoll sie für meine Lage zu sensibilisieren. Und es hilft tatsächlich. Für jeden Spaziergang erhalte ich eine Einordnung. Und auch ungeschöntes Feedback, wenn meine Belastung für meine gesundheitliche Situation mutmaßlich etwas zu hoch war. Kritisch werden meine Einträge im Journal eingeordnet. Ich rate absolut davon ab ein Fitnessarmband und dessen App als Ersatz für eine ärztliche Beratung zu sehen. Aber es tut gut ein Stück weit nicht mehr selbst jeden Spaziergang überzuanalysieren, wenn eine KI es bereits für mich tut.
Der Wal hat kein Fitnessarmband. Er hat nicht einmal Arme. Er hat Flossen. Die sind riesig. So riesig, dass sie bis zu zwei Drittel ihrer Körperlänge einnehmen können. Ich hoffe der Wal schwingt seine Flossen bald wieder kraftvoll durch die Ozeane. Ich stelle mir vor, wie der Wal die Meere umwandert. Seine kaputte Haut sich erholt. Im salzigen Wasser treibt. Und lebt. Viele Wale werden deutlich über 50 Jahre alt. Ich hoffe der Wal wird deutlich älter. Ich scrolle nochmal durch die Liveticker der Lokalnachrichten von kleinen Ostseegemeinden. Ich ziehe mir meine Sportschuhe an als wären es Schwimmflossen und trete hinaus in die See.






Ich hab die Tage ein Zitat gelesen: Vielleicht lässt Liebe Dinge zurück, nicht damit wir in der Vergangenheit stecken bleiben.
Sondern damit wir erkennen, wohin sie als Nächstes gehört. Du liebst das Laufen, immer noch aber vielleicht steckt es gerade in der Verganheit um dir zu zeigen wohin deine Liebe zum laufen als nächstes gehört... der Wal ruht sich im Moment eben mal aus. Und wird dann 70 Jahre alt. Ich denk an dich.